Neuzeit
Mit der Landung von Kolumbus in Mittelamerika (1492) beginnt die globale Ausweitung des europäischen Horizontes, die moderne “Weltpolitik”; mit Luthers Reformation (1517) zerbricht nach tausend Jahren die zentraleuropäische Glaubenseinheit. Diese beiden bekannten Jahreszahlen repräsentieren Ereignisse mit weitreichenden Folgen und spiegeln wohl am deutlichsten die Zeitenwende wider.
Christoph Kolumbus
In der folgenden Neuzeit wechseln sich die jeweils vorherrschenden Mächte ab. Im 16. Jahrhundert erreicht das deutsche Kaiserhaus Habsburg durch vorteilhafte Heiraten und glückliche Erbfälle innerhalb weniger Jahrzehnte eine bis dahin beispiellose Besitz- und Machtausweitung. Mit dem territorialen Gewicht auf dem burgundisch-spanischen Raum entsteht durch die Einverleibung der amerikanischen Eroberungen ein Reich, “in dem die Sonne nicht untergeht”.
Imponierend und beherrschend – nicht nur politisch – steht im 17. Jahrhundert Frankreich da: Die Königsmacht zentralisiert und steigert sich zum Absolutismus, und der Hof von Versailles wird für Europa zum Maßstab gesitteter Lebensart. Kultur und Sprache Frankreichs werden insbesondere für Deutschland im Barockzeitalter – aber auch weit darüber hinaus – vorbildhaft.
Im 18. Jahrhundert beginnt England, die Kolonialmächte Spanien und Portugal und erst recht Frankreich von den vorderen Plätzen zu verdrängen.
Afrikanische Ureinwohner kämpfen gegen ein Kolonialheer
In Europa selbst dringen neue Mächte nach vorn. Russland wird gewaltsam “europäisiert” und sucht Anschluss an die westliche Zivilisation; Preußen entwickelt sich aus einem Fleckenteppich verstreuter Besitztümer zu einem ernstzunehmenden Militärstaat, der in Deutschland mit Österreich konkurriert. Fern am Horizont entstehen aus den amerikanischen Kolonien Englands durch Revolution die Vereinigten Staaten.
Während um die Wende zum 19. Jahrhundert nochmals eindeutig Frankreich zum europäischen Richtmaß wird – erst durch eine schockierende Revolution, dann durch eine Kette imponierend-bedrückender Eroberungen –, gerät im Verlauf des 19. Jahrhunderts die deutsche Szene entscheidend in Bewegung. Sowohl durch Bismarcks Reichseinigung und außenpolitische Staatskunst als auch durch die Industrierevolution wird Deutschland zur dominierenden Kontinentalmacht – während Großbritannien durch sein erdumspannendes Kolonialreich die erste wirkliche “Weltmacht” der Geschichte ist.
Bevor Kolumbus ins Blickfeld rückt, gilt unsere Aufmerksamkeit jenem Zeitalter, das weder dem Mittelalter noch der Neuzeit allein angehört, sondern übergreifend beiden: dem Humanismus und der Renaissance. Neuzeitlich in der Lebensauffassung, ist diese doppelgesichtige Kulturepoche doch in ihren zeitlichen Anfängen im Spätmittelalter verankert. Ihre Wiege ist die italienische Stadtkultur, ihr Ausdehnungsfeld das ganze Abendland.
