Altertum
Günstige Lebensbedingungen in den großen Stromtälern Nordafrikas, Vorder-, Süd- und Ostasiens ermöglichten, dass hier die archaischen Daseinsformen am ehesten von durchorganisierten Zivilisationen mit städtischen Mittelpunkten abgelöst wurden. Ägypten und Mesopotamien, also das Nil- und das Zweistromland, gelten als älteste Hochkulturen, gefolgt von einer Stadtkultur im Indus-Gebiet. Eine ähnliche Entwicklung folgte am Gelben Fluss in China. Demgegenüber sind die für Europas Werdegang besonders maßgeblich gewordenen Kultur- und Machtzentren Griechenland und Italien relative Späterscheinungen, geschichtlich hervortretend erst, als der Glanz des alten Orients im Schwinden war.
Dabei zeigen sich kennzeichnende Unterschiede in der Selbstverwirklichung. Ägypten, Babylonien, Assyrien bildeten ein Gott-Königtum heraus, das sich und seine Kultur in gewaltigen Steindenkmälern und, vor allem am Nil, in herrlichen Kunstzeugnissen darstellen ließ. Das Herrschaftssystem war mit Ausnahmen despotisch (anders als in Indien und China). Griechenland entwickelte im Gegensatz dazu zeitüberdauernde abendländische Denksysteme, Dichtungen, Mythologien, die Historiographie, den Sport – neben bleibenden Kunstvorbildern –, war aber aufgrund individuell-freiheitlicher Zersplitterung lange zu politischer Konzentration unfähig. Erst der Hellenismus wuchs zum mittelmeerisch-orientalischen Machtfaktor und repräsentierte eine antike, vorrömische Weltkultur. Rom schließlich, in vielem immer ein Erbe und eine Kopie des Griechentums, war durch frühentwickelte staatsbildende und militärische Befähigung berufen, das letzte Großreich des Altertums zu schaffen, ja, das umfassendste. Die Pax romana begünstigte die Ausbreitung des Christentums, hervorgegangen aus der Ein-Gott-Vorstellung der Juden, dem transzendentalen Monotheismus vom Sinai.
Der nachhaltigste Bewusstseinswandel im alten Orient, der ihn von der übrigen Welt am stärksten abhob, war der Wille zur schriftlichen Verständigung. Nach 3000 v.Chr. entstand in Sumer die Keilschrift, etwas später bei den Ägyptern die Hieroglyphen-Schrift. Um 1500 v.Chr. entwickelten die Phönizier ein Buchstabenalphabet. Es war der Stammvater vieler Buchstabenschriften der Welt.
